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Gewalt und Aggression

Unser Gewaltverständnis: Wir verwenden den Gewaltbegriff als Handlungsbegriff.
Gewalt ist die Bezeichnung für jedes Handeln einer Person, das zur Verletzung der körperlichen Integrität einer Person führt.
Gewalt bezieht über körperliche Gewalthandlungen hinaus auch psychische Formen mit ein, insoweit diese von physischer Gewalt begleitet wird oder auf deren Androhung beruht.
Gewalthandeln ist nach unserer Definition ein intentionales Handeln, d.h. ihm liegt eine – wie auch immer bewusste – Willensentscheidung des Handelnden zugrunde.

Wir verstehen Gewalthandeln als selbst zu verantwortendes Handeln und zugleich als Ausdruck eines inneren Konflikts.

mannlohrenzubartgr.jpgDie mit dem Gewalthandeln und –erleiden zusammenhängenden Aspekte beziehen wir in unsere Arbeit mit ein, sie dienen jedoch nur der Erklärung und nicht der Entlastung oder Entschuldigung des Klienten.

Aggression ist nach unserem Verständnis keine Gewalt, auch keine “Vorstufe” dazu.

Vielmehr sehen wir Aggression und Aggressivität als eine mögliche Verhaltensform an, um sich durchzusetzen, zu behaupten und sich abzugrenzen. Die Fähigkeit zur Aggression ist lebensnotwendig.

Etymologisch besagt Aggression „herangehen an“. Insofern kann ein aggressives Verhalten durchaus bedrängend und „gewaltig“ wirken, doch beinhaltet und intendiert es keine körperliche Verletzung.

Männerbild

Gewalttätige Jungen und Männer orientieren sich in der Interpretation ihres Erlebens und ihren daraus motivierten Handlungen oft an einem tradierten unerreichbaren Idealbild von Männlichkeit

( Männer lösen alle Probleme alleine, Männer empfinden keine „schwachen Gefühle” wie Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Ohnmacht usw.…)

zidane-3.jpgJeder Versuch, dieses abstrakte Idealbild zu erfüllen, stellt per se eine Überforderung dar, und ist somit zum Scheitern verurteilt.
Tagtäglich setzten sich Jungen und heranwachsende Männer damit auseinander, ob sie ein richtiger Junge sind, der zu einem „richtigen Mann“ wird.

Die Angst vor der (vorbewusst) wahrgenommenen Unfähigkeit, die Ansprüche ihrer Geschlechtsidentität erfüllen zu können, ist in etwa so weit verbreitet wie der Bartwuchs.
So fühlen sich Männer und Jungen in Folge häufig isoliert, hilflos und ohnmächtig.

Das wiederum kann sich der Einzelne nicht eingestehen, da er sonst Gefahr läuft, in der eigenen Interpretation seiner Geschlechtsidentität völlig versagt zu haben.

Frauen und Mädchen als Täterinnen

Werden Mädchen oder Frauen gewalttätig, so wird dies gesellschaftlich als atypisch zum geschlechtsrollenkonformen Verhalten betrachtet.

Dieser Zusammenhang hat vielerlei mögliche Auswirkungen:muttertag_wdr_400h.jpg

  • weibliche Gewalt wird häufiger „übersehen“ als männliche Gewalt,
  • weibliche Gewalt wird eher als „Notwehr“ umgedeutet, da es sich unter dieser Bedingung wieder um “rollenkonformes Verhalten” handeln würde,
  • weibliche Gewalt appelliert eher an das „Mitleid-Empfinden“ als männliche Gewalt, die in jedem Fall als offensive Gewalt gedeutet wird.
  • Täterinnen können so m.E. damit rechnen, als „eigentliches Opfer“ der Situation gesehen zu werden,
  • dadurch sind Bagatellisierungen der Tat(en) sowohl auf Täterinnen-Seite als auch auf Seiten des Hilfesystems bzw. der Strafverfolgung wenn nicht vorprogrammiert, so doch wahrscheinlich.
  • Weibliche Gewalt ist damit vermutlich in höheren Fallzahlen im so genannten “doppelten Dunkelfeld” vertreten.

Insofern ändern sich natürlich auch die Gewaltdynamik und der Gewaltkreislauf der Täterinnen im Vergleich zu den männlichen Tätern.

Sabine Seifert-Wieczorkowsky hat genau dazu einen Artikel hier veröffendlicht.

Gewaltberatung und Gewaltpädagogik mit Täterinnen bedarf daher einer genauen Kenntnis der geschlechtstypischen Hintergründe, vor denen die Taten durchgeführt und wahrgenommen werden.
Diese vermitteln wir durch die Schulung der Wahrnehmungskompetenzen in unseren Weiterbildungen.


Gewalt als Versuch einer Krisenbewältigung

nachdenklichDas Ausüben von Gewalt wählt jeder Täter/jede Täterin als einen möglichen, zuerst entlastenden, aber auf Dauer erfolglosen Versuch der Krisenbewältigung.

Durch Gewalthandlungen vermeiden die Gewalttätigen innere und äußere Konflikte, anstatt diese lösungsorientiert anzugehen.

Gewalttätige verhalten sich im Alltag überwiegend sozial angepasst bzw. überangepasst.

Konfliktvermeidungen sind an der Tagesordnung; die eigenen Grenzen sind häufig unklar, und daher ist die Person kaum in der Lage, sich wenn nötig abzugrenzen.

Hier spielt Aggression eine Rolle, denn die Fähigkeit zur Aggression ist wichtig, um Grenzen ziehen zu können.

Kompensation von Gefühlen

Gewalt ist somit nie ein Zeichen von Stärke, sondern dient der Kompensation von Emotionen, die mit der Konnotation von Schwäche assoziiert werden.

Durch das Ausüben von Gewalthandlungen kompensieren Gewalttätige ihre Gefühle wie beispielsweise :

  • Einsamkeit,
  • sich “unterlegen” fühlen,
  • Hilflosigkeit,
  • Ohnmacht oder
  • Verzweiflung.

Die Gewalttaten dienen dazu, das Erleben dieser Emotionen abzuwehren.

Wer schlägt oder anderweitig gewalttätig ist, “kann” sicher nicht hilflos sein.
Er oder sie ist ja aktiv, handelt und ist wieder “autonom”. Die eigentlich “hilflosen” Emotionen treten vor und während der Tat in den Hintergrund und werden nicht wahrgenommen. Insofern geht Gewalt stets einher mit einer Gefühlsabwehr, und ist somit keinesfalls “ein Streben nach Macht oder Überlegenheit”, wie es häufig angenommen wird.

Derartige Annahmen entstehen, wenn man Gewalt aus der Opferperspektive heraus betrachtet.

Opfer sind hilflos, also wird vermutet, dass Täter/innen die gegenteiligen Emotionen hätten.

Betrachtet man Gewalt jedoch aus der Täter(innen)-Perspektive, so lässt sich genau die Abwehrdynamik erkennen, die jeder Gewalttat zugrunde liegt. Der Täterin, dem Täter geht es nach der Gewalttat “besser als vorher”. Keineswegs fühlen sie oder er sich jedoch “mächtig”.

Gewaltkreislauf (nach Lempert)

Gewalttätige handeln in der Regel nicht impulsiv und planlos. Sie befinden sich jedoch in einem unbewussten und damit unreflektiertem Gewaltkreislauf.

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Gewaltkreislauf

Gewaltkreislauf

Immer wieder werden sie im Alltag mit ungeliebten Gefühlen konfrontiert, die sie durch ihr Gewalthandeln abwehren.
Ihr Krisenabwehrverhalten funktioniert jedoch immer nur kurzfristig. Wieder und wieder rechtfertigen sie daher vor sich oder vor anderen ihre eigenen Gewalttaten.

Doch durch eine Rechtfertigung entsteht weder wirkliche innere Klärung, noch wirkliche Entlastung: Die „Ursachen-Suche“ für ihr eigenes Gewalthandeln außerhalb von sich selbst beginnt.

Täter(innen) entlasten sich so von Schuld- und Schamgefühlen, und geben die Verantwortung für ihr Verhalten nach außen ab.
Die ungelösten Konflikte treten früher oder später in ihrem Leben erneut auf und der Gewaltkreislauf beginnt von vorne.

Gewaltberatung (GHM)®

Unterscheidung Gewaltberatung / Gewaltpädagogik GHM®

fuellerpfeil2.jpgWir unterscheiden die Begriffe „Beratung“ und „Pädagogik“ in Bezug auf die Vermittlung unserer Haltung und Arbeitsinhalte sowie auf den Kontext unserer Tätigkeiten mit unserem Klientel.
Unsere Unterscheidung ist somit nicht unbedingt Altersgruppen-spezifisch, sondern bezieht sich auf das Setting.

Gewaltberatung (GHM)® ist fokussiert auf das momentane Erleben und Verhalten des Klienten in einem face– to– face– Setting. Sie besteht:

  • aus der Exploration und Erkundung momentaner und zurückliegender Sichtweisen des Klientels über die Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen seinem (gewalttätigen) Verhalten, seinen bisher wahrgenommenen Gefühlen und seinen Interpretationen des Geschehenen im Vorfeld.
  • aus der Wahrnehmung, Einfühlung und Reflektion der emotionalen Resonanz es Gewaltberaters vor dem Hintergrund seines professionellen Einfühlungsvermögens und seines Wissens über die männlichen und weiblichen Sozialisationsbedingungen,
  • und aus dem in Kontakt-Bringen dieser Resonanzen mit dem Klientel, geprägt durch wertschätzende Empathie gegenüber der Person und gleichzeitiger Konfrontation mit seinen/ihren (Gewalt) – Handlungen. (Konfrontation als Teilsystem empathischen Vorgehens (vgl. Oelemann 2003)
  • durch die mitgeteilten Resonanzen des Beraters in Bezug auf die ausgelösten Emotionen, gekoppelt mit dem Verweis auf die Verantwortung des Gewalthandelnen für sein Handeln.

dvd-das-problem-ist-meine-frau.jpgGewaltberatung befähigt so die Klienten zu einer erweiterten und differenzierteren Selbstwahrnehmung und weicht Blockaden im häufig unflexiblen und starren Krisen- und Krisenabwehrverhalten der KlientInnen auf.

Wenn Sie sich einmal Gewaltberatungen “live” anschauen wollen, so möchten wir Sie gern auf unseren Film: Das Problem ist meine Frau aufmerksam machen, den Sie auch bei uns erwerben können.

Gewaltpädagogik (GHM)®

Die Gewaltpädagogik abstrahiert nun von der individuellen und damit isolierten Sichtweise auf das Geschehene, Empfundene und Agierte indem sie:

  • es in Beziehung zueinander (Bsp. Gewaltkreislauf nach Lempert) oder in Beziehung zu internalisierten Rollenvorgaben allgemeiner männlicher oder weiblicher Sozialisation setzt,
  • neue krisenentschärfende und -verhindernde sozialverträgliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigt,
  • auch gemeinsam mit anderen Klienten oder Klientinnen in Gruppen durchgeführt wird,
  • so die empfundene Isolation und Einsamkeit der einzelnen Klienten durch die realisierten Gemeinsamkeiten mit Anderen durchbricht,
  • damit eine neue und veränderte Sichtweise des einzelnen Gewalttätigen in einem geschützten Rahmen ermöglicht,
  • und die Klienten zum Erlernen und Ausprobieren neuer Verhaltensweisen stimuliert.

Durch die Koppelung gewaltberaterischer – und gewaltpädagogischer Elemente im
Gesamtzusammenhang unserer Arbeit erreichen die Gewalttätigen eine dauerhafte Neubewertung ihrer

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Jungensozialisation und Gewaltbisherigen Sicht- und Verhaltensweisen, die von persönlicher Einsicht geprägt ist, und somit eine bereits vorhandene soziale Überanpassung eher durchbricht und sie zukünftig verhindert.
Durch Gewaltberatung / Gewaltpädagogik (GHM)® werden sich die Klienten in der Unterscheidung Ihrer Bedürfnisse und Wünsche sowie ihrer daraus motivierten Handlungen und deren Folgen selbst bewusst. Sie erlangen auf diese Weise die Kompetenz, für die sozialverträgliche Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen, und Ihren eigenen Alltag in Ihrem Lebens- und Beziehungsumfeld gewaltlos gestalten zu können.

(Die Methode der Gewaltpädagogik erklärt Burkhard Oelemann in einem Gespräch mit Cornelia Kazis – Audio CD, ca 55min, beim Tatsachenverlag zu erwerben.)

Wir unterstützen Menschen, die gewalttätig sind…

  • …sich selber darüber bewusst zu werden, welche Auswirkungen ihr zum Teil gewalttätiges Verhalten für sie selber und andere hat:

Täterinnen und Täter erkennen, dass sie mit Gewalt häufig zerstören, was sie sich eigentlich wünschen.

  • …herauszufinden, in welchen Identitäts- und Lebensbereichen sie wirklich Krisen hatten oder haben und welche Lösungsressourcen ihnen zur Verfügung stehen:

Die KlientInnen werden sich so ihrer Werte und Normen bewusst und überprüfen,
inwieweit diese zu den Zielen passen, die sie wirklich in ihrem Leben verfolgen.

  • …mit dem ganzen Spektrum ihrer Emotionalität in Kontakt zu treten und diese zum Ausdruck zu bringen:

KlientInnen, die sich differenziert merken und äußern können, wie es ihnen geht, sind sich ihrer selbst bewusst: Das ist die Grundlage dafür, innere und äußere Konflikte über alternative Verhaltensweisen wirklich zu lösen und auf die Scheinlösung durch Gewalt verzichten zu können.

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Literatur:

BMFJ: NINI, BENTHEIM, FIRLE, NOLTE, SCHNEBLE: Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster, Abschlußbericht, Bonn, 1994.
BSJB: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, Hamburg
BUNDESKRIMINALAMT : Kriminalstatistik, Wiesbaden 1992
DANGERS T. : Die Bedeutung der Vorbilder für gewalttätige Männer auf ihrer Suche nach Männlichkeit, unveröffentliche Diplomarbeit, Hamburg, Dezember 1993
LEMPERT J. : Wohin mit meiner Wut, Trainingsprogramm für Männer, unveröffentlichtes Manuskript, Hamburg 1988
LEMPERT J. : “DER GEWALT” in Institut für Volkskunde Hamburg, Universität Hamburg: HAMBURGER PLATT, Heft 2 1993
LEMPERT J. : Gewalt ist Männersache, Interview Marie Claire, Hamburg, August 1993.
LEMPERT J. : Arbeit mit gewalttätigen und rechtsextremen Jugendlichen in: BONIFER-DÖRR / WEINKNECHT: Hakenkreuze, Türkenwitze… , Hiba-Verlag, Heidelberg 1994.
LEMPERT J.; OELEMANN B. : Öffentliche Anhörung über die Beratungsstelle MÄNNER GEGEN MÄNNER-GEWALT â Ausschuß für Frauen und Jugend, Deutscher Bundestag 14. Ausschuß, 27. Sitzung, Bonn 1992
Lempert, J, Oelemann, B. … dann habe ich zugeschlagen, Hamburg, Konkret Literatur Verlag 1994
Lempert, J. Oelemann, B.: Endlich Selbstbewusst und Stark, Ole-Verlag 2000
Männer gegen Männer-Gewalt hrsg. Handbuch der Gewaltberatung, Ole-Verlag, Hamburg 2002,
OELEMANN, B.: Angst-Umweg: Gewalt; Physische Gewalt unter männlichen Jugendlichen, geschlechtstypische Ursachen, Intervention, Prävention.
Konzeptstudie für das Amt für Jugend , Hamburg hrsg.1994
OELEMANN, B.: Vom Mißbrauch des Mißbrauchs, über die Ideologisierung der sexuellen Mißhandlung von Jungen, in: MÄNNERFORUM 9/ Kassel, Dezember 1993,
OELEMANN, B.:Vater-seelen allein, Jungen zwischen Held und Hasenfuß,in: REFERATE Niedersächsisches Kultusministerium Hannover , September 1993 (a)
OELEMANN, B.:Jungs- endlich mal unter sich! in: Mach was aus Dir- welche Rolle paßt zu mir?
Dokumentation Modellprojekt , Landkreis Peine 1993 (b),
OELEMANN, B.: Mütter können aus Jungen keine Männer machen, in: Marie Claire 1/1994,
OELEMANN, B.: Sexuelle Gewalt gegen Jungen; die Opfer / die Täter in: Sexuelle Gewalt, Dokumentation der Stadt DELMENHORST, 1993,
OELEMANN, B.: Jugendgewalt ist Jungengewalt, in: DVJJ-Journal 2 1991,
OTTEMEIER-GLÜCKS , F.G. in: HVHS alte Molkerei Frille: Was Hänschen nicht lernt, verändert Clara nimmer mehr, Eigenverlag, Frille 1989
RIMMLER U., SLÜTER R. : 7 Jahre “Männer gegen Männer-Gewalt”, Hamburg, DGVT , Nr.: 1/92.
RIMMLER U. : “….. dann habe ich zugeschlagen”, Psychologie Heute, Juni 1993.
SCHNACK D., NEUTZLING R. : Kleine Helden in Not, Reinbek 1991
SLÜTER R. : Gewalttätigkeit von Männern in der Partnerschaft vor dem Hintergrund ihrer Wünsche und Erwartungen an die Partnerin, unveröffentliche Diplomarbeit, Hamburg, Dezember 1991.
WASCHLEWSKI, Stefan: Beratung mit gewalttätigen Jungen, Leitbildbeschreibung der Beratungsstelle Komman in Wuppertal, 2003