Geschichte

brille-serios.jpg

Die Geschichte von “Männer gegen Männergewalt” und der (ab 1993 parallelen) Entwicklung der “Gewaltberatung” begann 1984 mit Hans-Peter Lütjen, einem Hochschuldozenten für Anglistik. Er initiierte “Männer gegen Männer-Gewalt” mit unterschiedlichen Anzeigen, die er in Hamburger Zeitungen schaltete. Ab November 1984 warb die neu gegründete Gruppe auf Plakaten in den Hamburger U-Bahnen

Lütjen übernahm für die Gruppensitzungen in Hamburg ein Verhaltenstraining aus Pittsburgh (USA), das er für die deutschen Verhältnisse veränderte und anpasste. Problemstellungen und Themen, die er als wichtig erkannte, waren:

* Lernen, über persönliche Sorgen zu sprechen
* Erkennen der Grenzen eigener Belastbarkeit
* Aufnehmen von Kontakten zu Freunden
* Verändern von Rollenverhalten in der Paarbeziehung

Ab November 1984 warb die neu gegründete Gruppe von Männern, die sich über die Anzeige kennengelernt hatten, auf Plakaten in den Hamburger U-Bahnen für ihr “Sorgentelefon”.

In den folgenden Jahren steckten die Gründungsmitglieder derZeitungsmeldung, Hamburger Abendblatt “Männer gegen Männer-Gewalt® ” viel Zeit und Energie in das Anliegen, in der Öffentlichkeit bekannter zu werden und vor allem Männer für die Gruppe zu werben. Regelmäßig stellten sie ihre Arbeit bei öffentlichen Veranstaltungen, Vorträgen und in der Presse vor, außerdem immer wieder mit Plakataktionen in den U-Bahnen.

1987 wurde der Verein Männer gegen Männer-Gewalt® e. V. gegründet, nicht zuletzt um die Einwerbung von Finanzmitteln und die Einstellung von Mitarbeitern zu erleichtern.

Auf der Grundlage der wachsenden Arbeitserfahrungen und fortschreitender Konzeptdiskussionen mit den wenigen ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern fand ein Prozess des Umdenkens statt:
Immer deutlicher wurde die Notwendigkeit einer Professionalisierung des Beratungsangebotes. Die Arbeit konnte nicht zuletzt aufgrund der Gefährlichkeit von Beratungsfehlern in der Arbeit mit Tätern von reinen “Laienhelfern” auf ehrenamtlicher Basis nicht mehr geleistet werden.

1988 Im Februar wurde die “Kontakt- und Beratungsstelle Männer gegen Männer-Gewalt®” am Mühlendamm mit drei Mitarbeitern und nur jeweils anteiligen Stellen zunächst auf ABM-Basis eröffnet.

Unter der Geschäftsführung von Dipl. Psych. Joachim Lempert entwickelte sich die Einzelberatung immer mehr zu einem eigenständigen Arbeitsbereich.

Während dieser ersten Jahre veränderte sich die Beratungsarbeit grundlegend. Während zu Beginn der Arbeit mit Tätern der Selbsthilfegedanke im Vordergrund stand, rückte nun die professionelle Beratung durch Diplom-Psychologen und Diplom-Pädagogen immer stärker in den Mittelpunkt.

maenner-gegen-maennergewalt200×81.jpgDoch auch die “Profis” mussten umlernen: Mit den herkömmlichen Methoden und der gelernten psychosozialen Haltung und Arbeitsweisen kam man in der Arbeit mit Männern und gewalttätigen Männern nicht weiter. Zu sehr unterschieden sich die Methoden und Rapporte bei herkömmlicher – eher auf weibliches Klientel ausgelegter psychosozialer Haltung einerseits und einer männerorientierten Beratungsarbeit andererseits.

Joachim Lempert erkannte dies und schuf vor dem Hintergrund seiner therapeutischen Ausbildungen nun die theoretischen (z.Bsp. der Gewaltkreislauf) und praktischen Grundlagen für die Arbeitsweise, die er später “Gewaltberatung” nannte.

Zusätzlich fanden weiterhin Gruppen unter der ehrenamtlichen Leitung von Vereinsmitgliedern statt. Die zunächst “offen” und zeitlich unbefristet angelegten Gruppen wurden durch den ersten Leiter der Beratungsstelle zu einem fest strukturierten Trainingsprogramm (Wohin mit meiner Wut) professionalisiert. Dieses Konzept war das erste Gruppenprogramm für die Täterarbeit bei häuslicher Gewalt im deutschsprachigen Raum.

1989: Auf Betreiben von Joachim Lempert und Maria Nini (Leiterin Opferhilfe Hamburg) startete das durch das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (BMFFG) geförderte Forschungsprojekt “Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster” gemeinsam mit der “Opferhilfe-Beratungsstelle Hamburg”.

Das Forschungsprojekt hatte insgesamt eine Laufzeit von drei Jahren; der Abschlussbericht wurde 1994 veröffentlicht. (Die erforschten Ergebnisse fanden jedoch leider nicht die politische Resonanz, als dass die daraus folgenden Empfehlungen später hätten umgesetzt werden können.) Hier ein Auszug aus dem Forschungsbericht als PDF.

1989 trat Dipl. Päd. Burkhard Oelemann dem Verein bei, nachdem er als Autor mehrere Radio- und Fernsehbeiträge über die Beratungsarbeit erstellt hatte und übernahm im Verein den Bereich: “Öffentlichkeitsarbeit”.

1991 Ein erklärtes Ziel von Männer gegen Männer-Gewalt® war von Beginn an, präventiv gegen Gewalt aktiv zu sein. Das schließt die Notwendigkeit ein, mit Jungen unter geschlechtssensiblem Ansatz zu arbeiten.

Burkhard Oelemann, als Student der Erziehungswissenschaften bereits seit 1988 mit gewalttätigen Jungen vor dem Hintergrund der geschlechtstypischen Sozialisation beschäftigt, entwickelte nun gemeinsam mit Joachim Lempert die “verstehende Jungenarbeit”, den Vorläufer der späteren Gewaltberatung und Gewaltpädagogik mit Jungen und heranwachsenden Männern.

Oelemann schrieb 1992 für das Amt für Jugend in Hamburg u.a.die Expertise: “Angst Umweg: Gewalt” als Grundlage für eine erste Jungen- und Täter-bezogene Jugendarbeit in Hamburg.

Ausgelöst durch Gewalttätigkeiten innerhalb einer Schulklasse entstand die so genannte “Jungenarbeit” zunächst mit dem Angebot von zwei Gruppen.

Die ABM-Stellen wurden erst nach und nach in durch die Behörde für Soziales und Familie geförderte Stellen umgewandelt; so fand die Jungenarbeit zunächst auf der Basis von Honorarverträgen statt, bis auch hier seit dem Jahr 2000 eine halbe Personalstelle durch das Amt für Jugend finanziert wurde.

Die Stellensituation war immer sehr knapp bemessen. Mit nur zwei halben Psychologenstellen und 8 – 12 Honorarstunden pro Woche wurden pro Jahr dennoch hunderte von Männern und Jungen beraten.

Durch die gezielte Öffentlichkeitsarbeit und durch die steigende Bekanntheit wurde
während der folgenden Jahre der Bedarf an speziell für die Arbeit mit Tätern ausgebildeten Beratern auch außerhalb Hamburgs durch viele Anfragen immer deutlicher. Joachim Lempert und Burkhard Oelemann motivierten in vielen Seminare und Tagesveranstaltungen andere Männer, eine ähnliche Dunkelfeldberatung für gewalttätige Männer anzubieten.

Bei Expertenanhörungen gab es jedoch auch Situationen, in denen sich andere Männer (nicht zuletzt aufgrund des gestiegenen Renommee der Hamburger Beratungsstelle) als “Männer gegen Männer-Gewalt” ausgaben und Vereine gründeten, zum Teil, um völlig andere Ziele als die Hamburger Beratungsstelle zu verfolgten. Um die Erkennbarkeit der entwickelten Arbeitshaltung zu gewährleisten, wurde der Begriff Männer gegen Männer-Gewalt® als Wort-Bild Marke beim Patentamt eingetragen.

Durch die Stellensituation in Hamburg musste eine große Menge Arbeit freiberuflich oder ehrenamtlich erledigt werden. Die “Männer gegen Männer-Gewalt” standen seit jeher vor dem Problem, dass es leider so gut wie keine Spendenbereitschaft für die Täterarbeit gibt. In 1991/92 war es, durch einen organisatorischen Fehler bedingt, sogar nötig geworden, aus privaten Geldern 10000,- DM für die Arbeit der Beratungsstelle aufzubringen, um den Erhalt der Beratungsstelle zu sichern.

Seit 1992 arbeiteten Joachim Lempert und Burkhard Oelemann konsequent auf freiberuflicher Basis an der Entwicklung theoriegestützter Modelle für die Täterarbeit im Dunkelfeld. Sie entwickelten neben dem konkreten Arbeitsansatz auch die Methodik und Didaktik für eine berufsbegleitende Weiterbildung und gaben ihr den Namen: Gewaltberatung und Gewaltpädagogik.

1993 wurden Joachim Lempert und Burkhard Oelemann erstmals durch den Ausschuß für Frauen und Jugend des deutschen Bundestages angehört. Die Anhörung war für 40 Minuten angesetzt, sie dauerte jedoch etwa 3 Stunden.bundestagsanhorung.jpg

Diese Anhörung wurde 1993 vom Deutschen Bundestag als Buch veröffentlicht:
“Zur Sache” Themen parlamentarischer Beratung, Männer gegen Männer-Gewalt und Jugend und Gewalt”.Nicht zuletzt in der Folge dieser Anhörung war ein Forschungsprojekt zur konkreten Evaluation der Gewaltberatung nach den Grundsätzen von Männer gegen Männer- Gewalt Hamburg, finanziert durch das damalige BMFSFJ geplant.

Die Gelder wurden von Joachim Lempert für die Dunkelfeldarbeit mit Tätern eingeworben und vom BMFSJ bewilligt.

Quasi in letzter Minute wurden jedoch die Grundbedingungen für das Forschungsprojekt durch das Bundesministerium einseitig verändert. Mit einem Mal sollte nicht nur mit Dunkelfeldtätern, sondern sogar hauptsächlich mit zugewiesenen Tätern aus dem Hellfeld gearbeitet werden, nachdem eine Staatssekräterin dies in Unkenntnis der Sachlage und der vorherigen Verhandlungen im deutschen Bundestag veröffentlich hatte.

Die damaligen Beratungsstellen-Mitarbeiter wurden nun vor die Wahl gestellt: Entweder hätten sie gegen ihre Überzeugung nur mit zugewiesenen Tätern arbeiten müssen, oder die Zusage der Gelder würde zurückgezogen werden.
Im Rahmen einer vielstündigen Verhandlung zwischen den Beratungsstellen-Mitarbeitern und den 6 Vereinsmitgliedern wurde einstimmig beschlossen, das Forschungsprojekt unter diesen Bedingungen nicht anzunehmen.

Das BIG in Berlin (Träger des Projekts ist der Verein “Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen” (BIG e.V.). wurde relativ schnell nach der Ablehnung durch die Hamburger Beratungsstelle neu gegründet und die Forschungsgelder flossen von nun an – entgegen der ursprünglichen Absicht – in die Hellfeldarbeit.

1994 war dann der Beginn des von Burkhard Oelemann und Joachim Lempert entwickelten berufsbegleitenden Ausbildungsgangs der Gewaltberatung und Gewaltpädagogik, zuerst in Deutschland, danach aufgrund starker – durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit induzierter – Nachfrage auch in der Schweiz und Österreich.

von 1995 – 1998 war dieser Ausbildungsgang in der Schweiz als Nachdiplomkurs durch die Hochschulehsa.gif für soziale Arbeit in Luzern mit den Leitern Joachim Lempert und Burkhard Oelemann durchgeführt worden. In dieser Zeit wurde deutlich, dass aufgrund der Weiterbildungstätigkeit eine zeitliche Kontinuität für die Beratungsarbeit mit Klienten nicht mehr zu gewährleisten war. Aus diesem Grund entschied sich B. Oelemann aus der Beratungsarbeit komplett auszusteigen und fortan nur noch freiberuflich als Trainer und Fortbildner zu arbeiten.

In der Zeit der 90er Jahre entwickelte sich ein starkes mediales und politisches Interesse an der Beratungsarbeit der Hamburger Stelle.

Durch die entwickelte Professionalität sowohl im Inhalt und in den Methoden der Arbeit, als auch in der geleisteten Öffentlichkeitsarbeit entstand ein Renommee weit über die Grenzen Hamburgs hinaus. Der Begriff “Hamburger Modell” wurde übrigens im Sprachgebrauch von österreichischen Politiker(innen) synonym für die Gewaltberatung im Dunkelfeld etabliert.

1998 übergab Joachim Lempert die Leitung der Beratungsstelle und arbeitete danach in freier Praxis und im Fortbildungsinstitut.

1999 : Infolge der Weiterbildungsgänge eröffneten Gewaltberater nun Beratungsangebote im gesamten deutschsprachigen Raum.

Die Auswertungen und Erfahrungen der Weiterbildung führten auch zu einer Veränderung in der Weiterbildung, damit weitere, als elementar erachtete Kompetenzen vermittelt werden konnten. Die Weiterbildung wurde nun um ein Modul auf insgesamt 8 Module ergänzt. Die verlängerte Dauer machte später eine weitere Durchführung als Nachdiplomkurs in der Schweiz leider unmöglich, da universitäre Nachdiplomkurse eine bestimmte Stundenzahl nicht überschreiten dürfen.

In 2002 gründeten Joachim Lempert und Burkhard Oelemann zwei neue, jeweils eigene Institute, in denen sie Seminare, Supervisionen und Weiterbildungen anbieten.

Der Arbeitsansatz der Gewaltberatung und Gewaltpädagogik wurde patentrechtlich geschützt, um die Erkennbarkeit des Modells zu gewährleisten und den Missbrauch des Namens durch Fremde zu verhindern.

Von 1998 bis 2004 wurde der Arbeitsansatz u.a. in großen Institutionen der Jugendhilfe, des Jungendmassnahmevollzugs, der ambulanten und stationären Beratungsarbeit mit Erwachsenen, in Psychiatrien und Jugendpsychiatrien, in Jugendämtern und Bischöflichen Ordinariaten, in Kleinstheimen und Obdachloseneinrichtungen und letztlich auch in Firmen und Organisationen weitergebildet und dient als Basis vieler Arbeitskonzepte der Hellfeld- und der Dunkelfeldarbeit mit Tätern und der Deeskalation von Konflikten.

Von 2000 bis 2005 existierte ein erster Gewaltberatungs-Dachverband “EUGET”, der die erste telefonische Täterhotline etablierte, finanziert durch das Daphne-Programm der Europäischen Union.

Heute, in 2007 sind ca. 300 Männer und Frauen Gewaltberater(innen) in Ausbildung oder mit mit einer abgeschlossenen dreijährigen Ausbildung.

GewaltberatungDer Begriff: “Gewaltberatung und Gewaltpädagogik nach dem ehemaligen Hamburger Modell” hat sich also längst über die Grenzen der Hansestadt hinaus zu einer festen Marke für eine geschlechtsrollen- und täterorientierte Anti Gewalt Arbeit im Hell- und im Dunkelfeld mit Jugendlichen und Erwachsenen, sowie für die Deeskalation von Konflikten entwickelt.

Die Beschreibung der Geschichte entstand in Ergänzung und unter Verwendung des Materials von www.gewaltberatung-hamburg.org

Burkhard Oelemann.