Was ist „Gewaltberatung“?

Zitate dieses Leitbildes, auch auszugsweise, bedürfen der Genehmigung der Autoren (bitte eine Mail). “Genderorientierte Gewaltberatung” und “Gewaltberatung/ Gewaltpädagogik (GHM)®” sind rechtlich geschützte Begriffe.
Autoren: Jürgen Krabbe/Burkhard Oelemann

Hellfeld und Dunkelfeld

Vorbemerkung:

Unsere Beratungsarbeit ist vorrangig spezialisiert auf das so genannte “Dunkelfeld”, also auf Täter und Täterinnen, die nicht polizeilich oder sonstwie erfaßt sind.

Entgegen der so oft verbreiteten wie unbewiesenen Behauptung, dass gewalthandelnde Menschen nicht “von sich aus”, also aus eigenem Antrieb Beratung aufsuchen, wissen wir, dass sie genau das tun. In vielen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gibt es mittlerweile niedrigschwellige Beratungsangebote, zu denen Klient(inn)en die Kontaktaufnahme leicht fällt.

Hierfür jedoch gibt es eine wichtige Vorraussetzung: Es muss ein passendes Angebot für Gewalthandelnde geben, durch das sie weder pathologisiert noch in der Beratung kontrolliert und somit strafrechtlich verfolgt werden. Seit fast 20 Jahren arbeiten wir (früher ausschließlich und heute hauptsächlich) mit Männern und männlichen Jugendlichen, die körperlich gewalttätig sind und erfüllen diese Vorraussetzung. Wir bewegen uns also in den Bereichen der sekundären und tertiären Prävention sowie der primären Intervention.

Hier nun eine ausführlichere Unterscheidung von Hell- und Dunkelfeld:

Zitat aus Wikipedia:

Das Hellfeld ist in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) die Gesamtheit aller, der Polizei in einem Jahr bekanntgewordenen und registrierten Straftaten.

Die Größe des Hellfelds ist vor Allem abhängig von Kontrollverhalten der Polizei und Anzeigeverhalten der Bevölkerung. Delikte, die eine gewisse Schwere und hohe kriminelle Energie aufweisen, werden fast ausnahmslos zur Anzeige gebracht. Dies gilt zum Beispiel für Eigentumsdelikte (§§ 243 ff. StGB) wie Einbruchsdiebstahl, Kfz-Diebstahl, brutale Tötungsdelikte, Raub,

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swhand2.jpg Erpressung und Geiselnahme. Delikte wie Kfz-Diebstahl hinterlassen so gut wie kein Dunkelfeld, da die Vorlage der polizeiliche Anzeige von den Versicherungen zur Schadensregulierung verlangt wird. Deswegen werden nahezu alle Kfz-Diebstähle angezeigt und sind somit im erfassten Feld der PKS, dem Hellfeld enthalten. Das Dunkelfeld ist hier nahe Null.

Bei häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten ist die Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung aus Scham oder anderen Beweggründen nicht so hoch, das Dunkelfeld ist hier größer.

Das Dunkelfeld ist die Differenz zwischen den amtlich registrierten Straftaten – dem so genannten Hellfeld – und der vermutlich begangenen Kriminalität.

Der Begriff grenzt sich somit in Nuancen von der Dunkelziffer ab. Durch die Kriminalstatistiken ist vom Hellfeld nicht allein auf die tatsächliche Kriminalität zu schließen. Daher bedarf es der Dunkelfeldforschung, um das Dunkelfeld aufzuhellen und einen systematischen Überblick über die Kriminalitätsentwicklung zu erreichen. In der Regel wird die Dunkelfeldforschung auf quantitativer Ebene geführt, meist durch Täter- oder Opferbefragungen bei denen eine repräsentative Gruppe der Bevölkerung zu ihren individuellen Täter- oder Opfererfahrungen befragt wird. Qualitative Verfahren sind aufgrund Finanzierungsengpässen in der Praxis noch eher selten anzutreffen.

Die genannten Befragungen kommen zu dem Ergebnis, dass insgesamt weniger als die Hälfte der tatsächlich begangenen Straftaten den Strafverfolgungsbehörden bekannt wird. Das Verhältnis zwischen tatsächlich begangenen und angezeigten Straftaten ist von Delikt zu Delikt verschieden.

Delikte mit hohen Schäden werden grundsätzlich eher angezeigt als solche, die lediglich einen niedrigen Schaden verursachen bzw. nicht zur Tatvollendung führen. Die Geschädigten schätzen in diesen Fällen oftmals den Aufwand, der mit einer Anzeige verbunden ist, im Verhältnis zum Schaden als unverhältnismäßig hoch ein.

Weitere Gründe können unter anderem eine Tatbeteiligung des Geschädigten und die daraus folgende Angst vor eigener Strafverfolgung (z.B. im Bereich der Betäubungsmittelkriminalität), Angst vor Repressalien des Täters (vor allem bei Gewaltdelikten, auch sexueller Gewalt, im familiären Umfeld) oder fehlendes Vertrauen in die Tätigkeit der Strafverfolgungsbehörden sein.

Grundsätzlich lassen jedoch auch derartige Befragungen keine endgültige Einschätzung über die Zahl der tatsächlich begangenen Delikte zu. Nicht alle Delikte werden überhaupt von den Geschädigten bemerkt. Delikte mit geringen Schäden werden oft wieder vergessen oder von den Betroffenen gar nicht als Straftat, sondern als normale Lappalie wahrgenommen. Teilweise berichten die Befragten auch aus Schamgefühl nicht über die von ihnen begangenen oder erlittenen Taten. Über diese Delikte können daher auch Täter- und Opferbefragungen keine Auskunft geben. Man spricht insoweit von einem doppelten Dunkelfeld. (Zitat Ende)

Mit unserer Arbeit machen wir hauptsächlichein Angebot für Täter und Täterinnen im Dunkelfeld. Diese Herangehensweise führt zu einer anderen Sicht auf Täter und Täterinnen, als wenn wir dem gleichen Klientel im Hellfeld begegnen würden, denn:

In der Regel ist jede ‘Hellfeldarbeit’ gekoppelt an: Kontrolle, Bescheinigungen über den Beratungsverlauf oder die Teilnahme, an Strafandrohungen bei Verweigerung etc..

Dadurch wird ein grundlegendes Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Berater durch die Kontrolle bereits erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht . Zeitgleich wird der Klient oder die Klientin an der Übernahme der Verantwortung für sein oder ihr Verhalten gehindert, weil jeder, der jemand Anderen kontrolliert, die Verantwortung für das Verhalten des Kontrollierten durch die “Kontrolle” ja bereits übernimmt.

Die meisten Berater und Beraterinnen in der Hellfeld-Arbeit beschreiben häuslich gewalttätige Menschen als eher uneinsichtig, aggressiv und nur durch Zwang und Strafandrohung motivierbar. Logischer Weise haben deshalb in den Augen der Berater(innen) ihre Klienten kein wirklich ehrliches Vertrauen verdient – sie müssen kontrolliert werden, d.h. ihnen muss im Beratungssetting eher grundsätzlich misstraut werden.

Diese durchweg eher negative Beschreibung und Wahrnehmung der Klientinnen und Klienten resultiert jedoch aus dem Blickwinkel, also aus der selbst gewählten Perspektive der Beraterinnen und Berater.

Sie ist keineswegs die ‘einzige Wahrheit’ über das Wesen der Klienten, sondern eher ein projiziertes Ergebnis eben dieser Perspektive.

Die Beraterinnen und Berater haben somit das eigentliche gelernte Setting professioneller Beratung verlassen, und das Setting der Justiz (also einer Bestrafungs-Instanz) übernommen. Nun beginnt der innere Spagat der Berater oder Therapeut(inn)en: einerseits wollen Berater oder Beraterinnen dem Klienten oder der Klientin vertrauensvoll zur Seite stehen, andererseits verpflichten sie sich zur Kontrolle, zur Weitergabe von Informationen bei Regelverstössen und schaffen somit für ihre Klient(inn)en und für sich selbst eine “Double-Bind-Situation”, frei übersetzt:

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Ein Comic von Quirit

http://www.quirit.com

“Bitte vertrauen Sie mir, ich bin doch nur begrenzt gegen Sie!”

Beratung wird so zu einer “Bestraf”-Beratung, Therapie zur Straftherapie und jedes soziale Training zum Straftraining.

Viele Berater(innen) und Wissenschaftler(innen) behaupten, dass einerseits diese Kontrolle der Klienten durch die Berater(innen) notwendig sei und gleichzeitig durch die Einsichtsfähigkeit der Klienten doch auch ein Vertrauensverhältnis zu den Berater(innen) entstehen würde. Auch die anfänglich fehlende primäre Motivation des Klienten an seiner oder ihrer Veränderung durch die Beratung würde während der Beratungszeit wachsen.

Obwohl gleich- oder ähnlich lautende Glaubensbekenntnisse geradezu hundertfach in der wissenschaftlichen Literatur zu finden sind, ist uns trotz sehr umfassender Literaturkenntnis bisher keine Veröffentlichung bekannt, in der dieser Glaubenssatz auch nur ein Mal belegt worden wäre. Wenn Sie eine solche Veröffentlichung jedoch kennen, sind wir für eine Nachricht dankbar.

Belegt ist vielmehr, dass Klienten und Klientinnen unter einem solchen Setting ’sozial überangepaßtes Verhalten’ zeigen. Das bedeutet: Die Klienten zeigen genau das Verhalten, sagen genau das, von und mit dem sie vermuten, am ehesten die Berater oder die Beraterinnen von ‘ihrem Lernerfolg in der Beratung’ überzeugen zu können.

Es ist daher davon auszugehen, dass derartige Glaubenssätze (und ähnliche, in sich widersprüchliche Behauptungen in der Literatur) eher für das professionelle Selbstverständnis der beteiligten Berater(innen) und Wissenschaftler(innen) eine gewichtige Rolle spielen, als dass sie im Kern einen Wahrheitsgehalt über das Wesen und die “Entwicklung” der Klienten unter diesem strafbewehrten Setting hätten.

So erklärt sich vielleicht, dass diese Glaubenssätze in fast jeder Veröffentlichung (ohne jeden tragfähigen Beleg) zu finden sind.

Hier soll nun keineswegs behauptet werden, dass Klienten in solchen “Zwangs”-Beratungen nichts lernen würden.

Dieses Lernen jedoch geschieht nicht aufgrund, sondern trotz des Settings und gegen den durch die Strafandrohung erzeugten Widerstand des oder der Klient(inn)en.

Die authentische und somit wirkliche Innenperspektive eines Klienten wird unter den beschriebenen Voraussetzungen sicher keinem(r) Berater(in) offenbart. Rückfälle und deren Verheimlichung sind so bereits vorprogrammiert.

Im sogenannten ‘Dunkelfeld’ ist jedoch die primäre Anlage für ein wirkliches – und für eine effektive Beratung unabdingbar notwendiges – Vertrauensverhältnis zwischen Klient(in) und Berater(in) gegeben.

Der professionelle “Blick” auf das Klientel ist ein völlig anderer als der in der Hellfeld- Arbeit. Aus diesem Grund kommen wir in der Betrachtung der Täter(innen) auch zu völlig anderen Ergebnissen und Einschätzungen, als die so genannte Täterarbeit im Hellfeld seit Jahrzehnten in ihren Beschreibungen über Klienten und Beratungsprozesse mit gewalttätigen Männern der Gesellschaft und den damit professionell befassten Institutionen allgemein nahezulegen versucht.

Wirkliche, wirksame und authentische Konfrontationen sind aufgrund der oben beschriebenen Umstände in der Dunkelfeld – Arbeit möglich.

Wirkliche Veränderung aus Überzeugung wird bei gegebenen Vertrauensverhältnis ebenfalls möglich, und bei Rückfällen gibt es für die Klient(inn)en im Grunde keinen Anlass, sich nicht dem Berater oder der Beraterin gegenüber zu offenbaren. Schließlich haben sie ja auch von sich aus die Beratung begonnen.

Seit Beginn der 1990er Jahre haben wir als Entwickler der Gewaltberatung im Rahmen unserer Tätigkeit bei “Männer gegen Männer-Gewalt Hamburg” bei Bundestags-Anhörungen, Tagungen, in Seminaren, Expertenbefragungen etc. für ein Gewaltschutzgesetz und für eine Strafbewehrung der häuslichen Gewalt eingesetzt, da wir von der Signal gebenden Wirkung eines Gesetzes zur Ächtung häuslicher Gewalt überzeugt sind.

Wir haben im Übrigen bisher stets auch mit zugewiesenen Tätern gearbeitet, solange wir nicht von Seiten der Justiz dazu “gezwungen” wurden oder werden, Bescheinigungen über die Veränderung der Klienten oder über deren Teilnahme an den vereinbarten Beratungsterminen ausstellen zu müssen. Diese Bescheinigungen würden das Vertrauen, also die Grundlage für unsere effektive Beratungsarbeit, unmöglich machen. Der Klient käme dann primär, um eine Bescheinigung zu erhalten, nicht aber, um an seinem Verhalten zu arbeiten.

Es gibt jedoch eine kleine, wenngleich steigende Zahl von Richter(innen) und Bewährungshelfer- (innen), die wir von unserer Haltung überzeugen konnten, die deshalb die Skepsis über den herkömmlichen Beratungsablauf teilen und allein deshalb auf das Ausstellen von Bescheinigungen verzichten.

Wir plädieren seit langem für eine strikte Trennung zwischen der In-Verantwortungnahme und Bestrafung der Täter(innen) einerseits, und einem Beratungsprozess, der die Klient(inn)en befähigen soll, den Gewaltkreislauf zu beenden.

Gewalt ist eine Entscheidung, eine falsche zudem. Jedoch gilt: auch Gewalttäter und -täterinnen sollten ernstgenommen werden.
Wir sind überzeugt, dass es schlicht keinen Sinn macht, zuerst ein Beratungs – Setting zu schaffen, welches von vornherein die Verantwortungsabgabe der Klient(inn)en für ihre Taten befördert, um dann innerhalb der Beratung genau für das gegenteilige Ziel zu arbeiten.

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  1. […] hat in seinem Artikel den – weithin bekannten, und von ihr hier nur erneut zitierten – offiziellen Hellfeldzahlen über häusliche Gewalt seine Ergebnisse einer Dunkelfeldbefragung […]